INTERVIEW – New Working Culture

  • Jennifer Sior

mit Julian Zöller, Senior Expert Procurement bei Roche Diagnostics Deutschland GmbH

Der Begriff „New Work“ bedeutet mehr als Home Office
– Was macht die Moderne Arbeitswelt aus?

Die Frage drückt es bereits aus, New Work ist viel mehr als Home Office, denn New Work beschäftigt sich nicht nur mit dem Arbeitsplatz als Raum, sondern umfasst viele weitere Dimensionen. Bei der Roche Diagnostics Deutschland GmbH begann unsere New Work Reise mit einem Umzug raus aus einem Bürogebäude aus den 1960er Jahren in ein neues modernes Arbeitsgebäude, das nach dem s.g. Activity Based Working Konzept gestaltet ist. Die Arbeitsweisen der Kolleg*innen haben sich über die vergangenen Jahre massiv verändert und die neuen Arbeitsflächen bieten für verschiedene Arbeitsweisen wie Stillarbeit, Kollaboration, informelle Kurzaustausche aber auch Regeneration die
passenden Flächen. Durch eine ideale technische Ausstattung schaffen wir es aber auch, dass die Gebäudemauern nicht die Grenzen sind, sondern wir auch die Kolleg*innen an anderen Arbeitsorten mit einbinden können und hybride Zusammenarbeit, also die Mischung aus der Arbeit vor Ort und an anderen Plätzen außerhalb des Roche Campus ermöglicht wird. Doch der Raum alleine ist eben nicht alles, was zu New Work gehört – sondern auch neue Arbeitsweisen, neue dynamische Organisationen weg von altbekannten Hierarchien, flexible Zeiteinteilung, agile Projektsetups, ein neues Verständnis von Personalführung und vieles mehr – zusammengefasst: Eine ganz neue Arbeitskultur weg von zur fest definierten Zeit am fest definierten Ort der fest definierten Tätigkeit nachgehen.

 

Wie lässt sich agiles Arbeiten und das Thema „New Work“
am besten in ein Unternehmen einführen?

Um die gesamte Mannschaft auf der New Work Reise mitzunehmen, bedarf es einem kulturellen Wandel in der gesamten Organisation. Begonnen mit unserem Gebäudeumzug als sichtbarer Meilenstein für alle, beschäftigen wir uns heute mit der „New Working Culture“. Das Projekt hat sich das Ziel gesetzt, den kulturellen Wandel zu gestalten und Hilfestellungen zu geben, damit hybrides Arbeiten die Zusammenarbeit nicht gefährdet und wir, obwohl wir uns mit uns selbst als Organisation und unseren Arbeitsweisen beschäftigen, die Unternehmensziele und unsere eigentliche Mission „Doing now what patients need next“ nicht aus den Augen verlieren. An unserer agilen Transformation arbeiten wir bei der Roche Diagnostics Deutschland GmbH schon seit einigen Jahren. Mit Hilfe von Agilen Coaches, die wir ausbilden, damit sie unsere Projekte begleiten können, schaffen wir es, die agilen Arbeitsweisen in der Organisation zu etablieren. Durch Ambassador-Rollen, also Personen, die als Botschafter der modernen Arbeitswelt agieren, versuchen wir die neuen Arbeitsweisen auch bis zum letzten der fast 900 Mitarbeitenden zu bringen. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit Themen wie hybrider Meetingkultur und den Anforderungen an Führungskräfte in der neuen Arbeitswelt. So nähern wir uns den unterschiedlichen Dimensionen von New Work und der neuen Arbeitskultur, in der Flexibilität und schnelle Handlungsfähigkeit im Fokus stehen, um auf den dynamischen Wandel in unserem Markt und aber in der Arbeitswelt reagieren zu können.

 

Welche Herausforderungen können sich bei der Umstellung der Arbeitsweise eines Unternehmens zeigen? Wie kann man eventueller Kritik am eigenen Unternehmen begegnen?

Ein Veränderungsprozess ist immer durch Höhen und Tiefen geprägt. Wichtig ist es aus meiner Sicht, die Organisation nicht zu überfrachten, sondern Geduld aufzubringen, denn jede*r Mitarbeitende ist individuell und geht unterschiedlich mit Veränderungen um. Wichtig ist, dass sich Menschen finden, die als Multiplikatoren in die Organisation gehen und vorleben. Das sind aus meiner Sicht nicht nur Führungskräfte, die diese Funktion wahrnehmen, sondern jede und jeder kann zum Vorbild werden. In internen sozialen Netzwerken teilen wir unsere Erfahrungen, die wir mit neuen Meetingformen und außergewöhnlichen Arbeitsplätzen machen, gute wie schlechte. Es ist für mich wichtig, auch die negativen Erfahrungen zu teilen, denn das stärkt die Glaubwürdigkeit, dass wir uns objektiv mit dem Thema beschäftigen, Fehler machen und aus diesen lernen. So können wir auch gut mit Kritik umgehen. Bei 900 Menschen alleine im deutschen Vertrieb von Roche, eingebettet in einen
Konzern mit weit über 100.000 Mitarbeitenden, gibt es natürlich viele verschiedene Haltungen und auch negative Meinungen zum kulturellen Wandel. Wichtig ist es auch hier anzudocken, denn uns bringen die tollsten modernsten elektronischen Meetingtools nichts, wenn der/die Anwender*in es gar nicht erst schafft, den Meetingraum im elektronischen Kalender zu buchen. Meine Erfahrung ist, dass die Kritik oft eigentlich gar keine Kritik an den neuen Arbeitsweisen des Unternehmens ist, sondern eher eine Abwehrhaltung aus einer Angst davor, abgehängt zu werden. Deshalb müssen wir hier ansetzen und Unterstützung bieten, denn die Begleitung eines kulturellen Wandels bei Leuten, die bereits voll in der neuen Arbeitswelt angekommen sind, wäre eine ziemlich einfach gestellte Aufgabe.

 

Sehen Sie durch die moderne Arbeitsweise eine Veränderung in anderen Lebensbereichen (Privatleben/Familienleben) von Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen? Was können Vorteile, aber vielleicht auch Nachteile sein?

Durch die Covid-19-Pandemie wurden wir gezwungen, unsere Arbeitsweisen von einem auf den
anderen Tag komplett umzustellen. Kolleg*innen, die in ihrem Leben noch keinen einzigen Home
Office Tag hatten, mussten sich plötzlich ihr Büro zu Hause einrichten. Das Café, in das ich mich zur
E-Mail-Bearbeitung gerne mal zurückgezogen habe, hatte plötzlich geschlossen. Das gesamte Leben,
privat wie beruflich, hat sich bei den meisten auf einmal auf wenigen Quadratmetern abgespielt. Ich
stelle fest, dass sich die Einstellung insbesondere zur Wahl des Arbeitsorts bei vielen Kolleg*innen
verändert hat. Viele derjenigen, für die es früher nicht in Frage kam, außerhalb des Büros zu arbeiten, sind heute nur noch selten vor Ort anzutreffen. Andere, die sich früher schon gerne virtuell zu einem Meeting zugeschalten haben, haben den immensen Wert des sozialen Miteinanders vor Ort zu schätzen gelernt und legen großen Wert auf das persönliche Miteinander. Es gibt unzählige Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Arbeitsweisen an verschiedenen Orten über die schon viel geschrieben wurde. Kinderbetreuung, Fahrtwege, Lautstärke – alles bekannt. Ich habe in der Zeit, seit der wir uns mit dem Thema „New Working Culture“ beschäftigen gelernt, dass sich hier keine allgemeingültigen Aussagen treffen lassen. Ist für den einen der morgendliche Anfahrtsweg einfach
eine stressige Belastung, ist es für die andere eine willkommene Zeit, um einfach mal Ruhe zu haben.
Jeder Arbeitsort hat Vor- und Nachteile, jede Form von hybriden Meetings, jede neue agile Arbeitsmethode, jede neue Art von Führung – wichtig ist, dass wir die Dinge ausprobieren und jeder und jede für sich reflektiert, was ihm oder ihr guttut und die Erfahrungen teilt. So sind wir auf einer ständigen gemeinsamen Lernreise.

 

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Welche Art von Arbeit wird sich durchsetzen und warum?
Was wird sich in den nächsten Jahren vielleicht noch ändern?

Zum 20. Jahrestag der Anschläge aufs World Trade Center sind im Fernsehen gerade viele Bilder aus
Büros aus dem Jahr 2001 zu sehen. Ich selbst wurde damals einen Monat vorher eingeschult. Wenn ich die Bilder von damals vergleiche mit unserem heutigen Büro, in dem viele nur noch selten überhaupt vor Ort arbeiten, bin ich überzeugt, dass mir die Vorstellungskraft fehlt, wie unsere Arbeit wohl in weiteren 20 Jahren aussieht. Mit Blick auf die nähere Zukunft glaube ich, dass die Flexibilität im Fokus stehen wird. Aus vielen Gesprächen glaube ich zu wissen, dass unsere modernen Büroräume nachdem wir die Pandemie überwunden haben nicht leer stehen werden. Ich erlebe gerade ein Verhalten nach dem Henne-Ei-Prinzip. Viele Kolleg*innen wollen gerne mal wieder ins Büro kommen, aber wenn niemand anderes da ist, dann kommen sie auch nicht und dann kommt eben niemand, wenn niemand den Anfang macht. Deshalb glaube ich, dass unser zukünftiges Verhalten viel bewusster sein wird. Ich selbst gehe morgens nicht ohne Plan ins Büro, sondern verabrede mich dort gezielt. Ich verlasse bewusst für informellen virtuellen Austausch mit Kolleg*innen von zu Hause aus meinen Schreibtisch und setze mich auf die Couch oder den Balkon, um auch räumlich eine Entspannung wahrzunehmen. Ersetzen durch: Gleichzeitig testen wir nun auch bei Roche in
Deutschland Co-Working-Spaces, um Mitarbeitenden mit weiter Anreise die Möglichkeit zu geben, in einem persönlichen sozialen Umfeld zu arbeiten und dabei noch von anderen Unternehmen und Branchen lernen zu können. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben haben sich mental und räumlich aufgelöst und ich glaube persönlich auch nicht, dass wir sie wiederaufbauen werden. Wir werden in unserem Büro eine Heimat haben, wo wir unsere beruflichen Wurzeln haben. Für mich ganz persönlich ist es wie der Auszug aus dem Elternhaus. Man schätzt die neue Freiheit und Flexibilität,
aber man freut sich doch meistens auch immer, mal wieder reinzuschauen, um die altbekannte
Gesellschaft zu genießen. Ich bin davon überzeugt, dass die Mitarbeitenden gut und vernünftig mit den ihnen überlassenen Freiheiten umgehen und die neue Arbeitswelt für uns ein einen positiven Beitrag zur Unternehmenskultur und somit auch zum Unternehmenserfolg haben wird.

Das Interview stammt aus dem m:con Magazin Weitblick 2/2022